Am äußersten Ende des Eurasischen Kontinents in Ostsibirien, wo sich West und Ost begegnen, liegt Tschukotka. Das Leben in dieser Polarregion ist hart. Doch seit einigen Jahren müssen die Menschen dieses Landes gegen einen neuen, unsichtbaren, mächtigen Gegner kämpfen: den Klimawandel.
Vladilen Ivanovich Kavry aus dem Dorf Vankarem bestätigt: „Das Eis bricht heute einen Monat früher auf als vor einigen Jahren.“ Die Eisbären brauchen das Seeeis, um Robben zu jagen. Ohne das Packeis schrumpft ihr Jagdrevier und die Eisbären werden zu einem Problem, weil sie in den Dörfern nach Futter suchen und oft Schlittenhunde angreifen. "Zehn Eisbären an einem Tag sind nichts Ungewöhnliches mehr“, erzählt Vlad Kavry.
Können Sie uns einen typischen Arbeitstag beschreiben?
Das ist nicht leicht. Die Einsätze der Eisbär-Patrouille konzentrieren sich auf zwei Zeiträume im Jahr. Von November bis Dezember sind wir mit dem Beobachten der Bären beschäftigt. Wir sorgen für den Schutz der Küstenbewohner vor hungrigen Bären – und schützen die Bären vor den Menschen, also den Wilderern. In den Frühlingsmonaten von März bis April sammeln wir Informationen über die Frühjahrspopulation der Eisbären und suchen nach Weibchen mit ihren Jungen – Operation Eisbärbau (Operation Den) nennen wir diese Einsätze.
Welche Strecken legen Sie auf Ihren Patrouillen zurück und wie lange sind
Sie bei einem Patrouillengang unterwegs?
Während der Wanderungsperiode von November bis Dezember fahren wir zwei- bis dreimal die Woche ungefähr eine Strecke von fünfzig Kilometer entlang der Küste.
Gibt es besonders denkwürdige Begegnungen mit Eisbären? Oder andere
erzählenswerte Begebenheiten auf Ihren Patrouillengängen?
"Eine Robbe für den Eisbär"
Ich war mit meinem Sohn zur Robbenjagd. Wir hatten zwei Tiere erlegt und stärkten uns vor der Rückfahrt noch mit einer Tasse Tee, unsere Beute dicht hinter uns. Plötzlich hören wir Eis knirschen. Ich drehe mich um und sehe einen Eisbären, der sich an unsere Robben anschleicht. Es sah komisch aus: Der Bär schlich wie eine Katze, machte seinen Nacken lang und starrte uns und die leckeren Robben unablässig an. Ich nahm einen Stock und bewegte ihn langsam in seine Richtung. Es war ein Jungtier, ein Teenager, wie mein Sohn Miroschka. Ich erklärte dem Bären mit ruhiger Stimme, dass die Robben uns gehörten. "Geh und fang dir deine Robbe selber", sagte ich. Aber der Bär war den verführerisch duftenden Leckerbissen schon ganz nahe und ließ sich durch nichts aufhalten. Er schnappte sich eine unserer Robben und rannte davon.
Ich sprang auf und rannte hinterher. "Die Robbe gehört meinem Sohn, gib sie sofort her", brüllte ich. Der Bär war verwirrt, dass jemand hinter ihm her rannte und ließ die Beute tatsächlich fallen. Nachdem der Bär weggelaufen war, dachten mein Sohn und ich über das Erlebnis nach. Mir wurde klar, dass ich falsch gehandelt hatte. Ich dachte: "Es ist nicht gut hier oben so gierig zu sein. Wir haben eine Robbe und geben die andere dem Eisbären." Ich brachte die Robbe zurück zu dem Eisloch, damit der Eisbär sie holen konnte.
Ein paar Tage später erzählte mir mein Bruder Sergej, dass er und ein paar Freunde in der Nähe von Vankarem eine Eisbärhöhle entdeckt hat. Aus den Spuren lasen sie, dass hier ein Weibchen mit ihren Jungen lebt. Die Männer beschlossen der Bärenfamilie ein Geschenk zu machen. Sie holten eine kürzlich erlegte Robbe und legten sie in die Nähe des Höhleneingangs. Wenn die Bärenmutter mit ihren Kleinen später aus dem Bau kommt, wird sie als erstes das Geschenk der Eisbär-Patrouille finden! Es ist für eine Bärenmutter mit so kleinen Jungen sehr schwer, wachsame Robben zu fangen.
Wie die Eisbär-Patrouille ein verwaistes Eisbärjunges retteten
Vor wenigen Jahren war die Situation besonders ernst. Starke Stürme hatten das Seeeis weit vor die Küste getrieben. Gut ein Duzend Eisbären streiften die Küste entlang – leichte Beute für Wilderer. Tatsächlich nahm die Polizei kurze Zeit später zwei Männer fest, die drei Eisbären getötet hatten. Meiner Meinung nach hatten sie mehr als drei Bären auf dem Gewissen.... Kurze Zeit später gab es zum Glück heftigen Frost, das Eis kam zurück und die Bären waren wieder auf sicherem Grund – auf dem Eis können ihnen die Wilderer nicht nachstellen. Nur ein Eisbär blieb zurück an Land, ein Einjähriger. Vermutlich war seine Mutter von Wilderern getötet worden. Normalerweise überleben verwaiste Eisbärjungen nicht lange. Von diesem hier aber entdeckte ich regelmäßig Spuren – und eines Tages auch ihn selbst: Er hing fest in einer Falle, die für einen Polarfuchs ausgelegt war. Der arme Kerl hatte sich seine Krallen eingeklemmt und kam nicht weg. Junge Eisbären heulen wie kleine Kinder – normalerweise. Der hier schnaubte wie ein Erwachsener und sah mich mit großen Augen an. Ich holte meine Freunde zu Hilfe. Mit langen Stöcken und nach vielen Schubsern gelang es uns, den Bären zu befreien. Der Kleine konnte seine Rettung im ersten Moment gar nicht fassen. Er blieb einen Moment lang ziemlich erstaunt im Schnee sitzen und hopste dann unbeholfen weg in Richtung Meer. Wir winkten hinterher und wünschten ihm ein langes Leben.
Wie verhalten Sie sich, wenn Sie einem Polar Bär gegenüberstehen? Ist das
nicht gefährlich?
Das ist in der Tat gefährlich – der Eisbär ist ein starkes, großes wildes Tier. Wir, die Bewohner Tschukotkas, teilen seit vielen Jahrhunderten unser Land mit den Bären und wissen, wie man mit ihnen umgeht.
Wenn man einem Eisbär begegnet ist es wichtig, ruhig zu bleiben. Man darf keine Furcht zeigen. Wir haben lange Stöcke bei uns, mit denen wir den Bären drohen. Manchmal werfen wir mit Steinen nach ihnen, um sie zu verjagen.
Wie beeinflussen die Veränderungen das Verhalten der Eisbären und der
anderen Arktis-Bewohner?
Das fehlende Eis in einigen Regionen zwingt die Eisbären dazu, sich von dem zu ernähren, was sie auf dem Festland finden. Das entspricht nicht ihrer gewohnten Lebensweise, normalerweise jagen sie auf dem Packeis nach Robben. Die veränderte Lebensweise birgt Gefahren für die Eisbären: sie kommen in Konflikt mit den Küstenbewohnern und die Gefahr von Wilderern erlegt zu werden, steigt.
Die Eisbär-Patrouille existiert seit 2007. Welche Ergebnisse haben Sie bislang
mit Ihrer Arbeit erzielt?
• Wir haben ein System eingerichtet, um die Eisbären der russischen Arktis zu
beobachten. 2009 umfasst dieses Monitoringsystem fünfzehn Standorte entlang der Küste.
• Wir erfassen laufend die Eisbärhöhlen im Ostteil der russischen Arktis. Das von uns erfasste Gebiet umfasst etwa 1000 Kilometer Küstenlinie vom Kolyma bis zur Beringstraße inklusive der küstennahen Inseln.
• In den Gebieten, in denen die Eisbär-Patrouillen unterwegs sind, gibt es keine Eisbär- Attacken mehr auf Menschen.
• Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wurden Wilderer verurteilt: Sie hatten drei Eisbären getötet.
• Während der großen Eisbärenwanderung im Herbst stehen die Eisbären unter der ständigen Beobachtung der Patrouillen. Das macht es Wilderern schwer, zuzuschlagen. Wir schätzen, dass durch die Patrouillen Eisbären in zweistelliger Zahl gerettet werden konnten.
• Die mit bis zu 50.000 Tieren größte Küstenkolonie der Pazifikwalrosse wurde zum Schutzgebiet erklärt.
• Es wurden neue regionale Naturschutzgebiete eingerichtet.
• Die Arbeit der Nationalpark-Ranger in den natürlichen Rückzugsgebieten der Eisbären in Yakutien und Taimyr wird durch die Eisbär-Patrouillen unterstützt.
Wie viele Menschen leben in Tschukotka?
Im automonen Bezirk Tschukotka leben um die 60.000 Menschen.
Welche Bedeutung hat der Eisbär für die Menschen in Tschukota? Wie würden
Sie das Verhältnis zwischen Bär und Mensch beschreiben?
Die Menschen in Tschukotka sind sehr stolz auf die Eisbären – das gilt für die Einheimischen wie für die Zugezogenen. In so enger Nachbarschaft mit dem Wahrzeichen der Arktis zu leben, ist für uns alle sehr wertvoll. Früher haben die Menschen Jagd auf die Eisbären gemacht, um sich von ihrem Fleisch zu ernähren. Die Felle wurden vornehmlich zum Tausch gegen Güter wie Mehl, Gewehre, Tabak, Tee, Salz, Messer und so weiter verwendet. Seit 1957 ist in Russland die Jagd auf Eisbären verboten – das war wichtig, um sie vorm Aussterben zu retten.
Gibt es Legenden über Eisbären in Tschukota? Würden Sie uns eine erzählen?
Der Eisbär spielt eine sehr wichtige Rolle in der traditionellen Kultur der indigenen Bevölkerung. Nach dem alten Glauben ziehen die Seelen der Toten mit den Eisbären fort. Es gibt viele Legenden und Interpretationen von Träumen darüber.
Das Lied der Eisbär-Patrouille
Von Andrei Boltunov, Viktor Nikiforov und Vlad Kavry
New day is beginning and polar bears are roaming back and forth.
If polar bears are waking up, then a Polar bear warden is ready to go.
We are preparing Ski-do and long road is lying ahead.
Our hands are on handlebars; this is Polar Bear Patrol raid!
The Arctic is our Home where we are living there together with polar bears.
We have enough rubber bullets; the Polar Bear Patrol is conducting a raid.
We value each polar bear, and we are eager to save all of them.
Dear Umky, live in peace. We are living together!!!
Deutsche Übersetzung
Ein neuer Tag beginnt, die Eisbären wandern hin und her.
Wenn die Eisbären erwachen, sind die Bärenwächter zum Aufbruch bereit.
Wir machen unsere Schlitten fertig und machen uns auf den langen Weg.
Die Hand liegt auf dem Lenker; die Eisbär-Patrouille ist unterwegs!
Die Arktis ist unser Zuhause, hier leben wir zusammen mit dem Eisbär.
Wir haben genug vor uns, die Eisbär-Patrouille macht sich bereit.
Jeder Eisbär ist wertvoll für uns und wir können sie alle retten.
Liebe Umky*, ihr sollt in Frieden leben. Wir leben alle zusammen!
* tschuktschisches Wort für Eisbären